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marc nicolai

curriculum carunis (Exzerpt aus dem Kleinen Handbuch für Pollakisuriker)

Carun schrieb aus der Bretagne einen elfseitigen Brief auf seinem infantilen zartgelben DIN A5-Papier. Die französische Reise sei verheißungsvoll angelaufen. Es ist ein Glück, wenn die Omen stimmen, schrieb er, das Leben und alles, was damit zusammenhängt, ist dann leichter, weil hoffnungsvoller: Schon am Heimatbahnhof fand ich ein freies Klo und durfte für nur fünfzig Pfennig ohne zeitliche Limitierung eine der diskreten Kabinen benutzen - Sie wissen, ich lasse mir nicht gerne zusehen. Mit frisch entleerter Blase erreichte ich den passenden Zug, der zur richtigen Zeit auf dem richtigen Gleis plaziert war. Aber damit nicht genug, denn Fortuna hielt mich fest im Arm, und so fand ich ein freies Gangplätzchen, das nur ganze sieben Schritte von der nächsten Toilette entfernt war. Sie müssen zugeben, das ist mehr als man verdient, wenn man überhaupt etwas verdient. Die Reisebegleitung war über die Maßen angenehm. Ein sehr junger Geschäftsmann besetzte den mir gegenüberliegenden Fensterplatz. Er bekam auf der Höhe von Kehl eine leichte Errektion, verhielt sich sonst aber unaufdringlich, stöberte beflissen in DIN A-4-Stapeln und belegte vor allem nicht einmal die Bordtoilette. Der allerärmste Carun, dachte ich, was für ein bezauberndes Glück hätte ihm widerfahren könne, wäre er nicht so verbohrt heterosexuell, so resistent gegen jedes Wechselfieber. Man kam bei Carun ohnehin nie um den Verdacht, er rase mit hoher Geschwindigkeit auf dem falschen Gleis dem falschen Ziel entgegen. Dafür schien festzustehen, daß dort früher ankommen würde als jeder andere. Selbst am Zielbahnhof kann man sich beim Austeigen noch das Genick brechen, las ich in Renas unverschlossenem Tagebuch.